Wertschöpfung einer FIFA-Weltmeisterschaft
Zwischen Erwartung und Realität: Von Wirkungsprognosen zur volkswirtschaftlichen Bilanz nach dem Schlusspfiff
21.07.2026, de Ramon Gmür, Andreas Stritt, Michael Funk
Domaines d'expertise Analyses de valeur ajoutéeDie FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko – mit 48 teilnehmenden Nationen das bisher grösste WM-Turnier der Geschichte – ist zu Ende. Wie bei vielen Grossanlässen kursieren auch diesmal verschiedene Zahlen zu den erwarteten volkswirtschaftlichen Effekten. Schliesslich haben die Austragungsländer grosse Infrastrukturinvestitionen getätigt, die sie insbesondere gegenüber den Steuerzahlern rechtfertigen müssen. Für Kanada etwa versprechen Schätzungen der Organisatoren eine Wertschöpfung von Dollar für jeden Dollar, der für die Turniervorbereitung oder von den Besuchern ausgegeben wurden. Solche Zahlen prägen die öffentliche Debatte über Sinn und Kosten der Ausrichtung von Grossanlässen. Allerdings stellt sich aufgrund der oft sehr hohen Effekte auf Wertschöpfung und Arbeitsplätze die Frage, wie belastbar derartige Schätzungen tatsächlich sind.
Wie werden volkswirtschaftliche Effekte geschätzt?
Die meisten Studien, die den volkswirtschaftlichen Impact ex ante vor dem Grossereignis schätzen, unterscheiden zwischen drei Arten von Effekten:
- Direkte Effekte: Ausgaben von Besuchern, Verbänden und Organisatoren – für Tickets, Unterkunft, Verpflegung, Transport sowie Bauinvestitionen in Stadien und Infrastruktur.
- Indirekte Effekte: Vorleistungsverflechtungen entlang der Wertschöpfungskette, etwa wenn Zulieferbetriebe aus Bau, Gastronomie oder Sicherheitsdiensten von den Ausgaben der ersten Runde profitieren.
- Induzierte Effekte: Die zusätzliche Einkommensverwendung – Beschäftigte in den profitierenden Branchen geben ihr zusätzliches Einkommen wieder in der Volkswirtschaft aus.
Diese unterschiedlichen Effekte entstehen über verschiedene Wirkungskanäle wie Investitionen in Stadien und Infrastruktur, Ausgaben der Veranstalter, touristische Nachfrage, Public Viewings sowie zusätzliche Werbetätigkeit im Gastgeberland.
Zur Berechnung dieser Effekte ist die Input-Output-Analyse der methodische Standard. Grundlage dafür bildet die zusätzliche Nachfrage (etwa durch einen Stadionbau oder Ausgaben der Besucher) in den verschiedenen Wirkungskanälen, welche abzüglich der Vorleistungen dem direkten Effekt entspricht. Das Mengengerüst für diese zusätzlich Nachfrage, beispielsweise erwartete Besucherzahlen, wird über vorgelagerte Analysen und Befragungen ermittelt. Die indirekten Effekte beim Vorleistungsbezug und die induzierten Effekte durch den Konsum des Lohneinkommens der Beschäftigten können durch Input-Output-Tabellen abgeleitet werden. Input-Output-Tabellen stellen die wechselseitig verknüpften Liefer- und Bezugsstrukturen zwischen den Sektoren einer Volkswirtschaft dar und ermöglichen die Messung des multiplikativ verstärkten gesamtwirtschaftlichen Effekts einer zusätzlichen Nachfrage. Beschäftigungseffekte werden ermittelt, indem die berechneten Wertschöpfungs- oder Produktionseffekte mithilfe sektorspezifischer Beschäftigungskoeffizienten in Vollzeitäquivalente umgerechnet werden.
Geschätzte Effekte in ex-ante-Studien
Ein Blick auf die geschätzten Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte vergangener Turniere zeigt, dass solche Analysen häufig grosse Effekten prognostizieren. Besonders in Austragungsorten mit hohen Investitionen für Stadion- und Infrastrukturausbauten liegen die erwarteten Effekte deutlich höher als bei Austragungsorten mit bestehender Turnierinfrastruktur. Dies ist insofern nicht überraschend, da höhere Bauinvestitionen auch zu hohen Umsätzen und Beschäftigung in der Baubranche führen. Vergleichbare Effekte wären auch bei anderen Bauprojekten dieser Grössenordnung zu erwarten.
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Studie |
Turnier |
Geschätzter Effekt |
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Helmenstein et al. (2007) |
WM 2006, Deutschland |
EUR 3.2 Mrd. Wertschöpfung (0.13% BIP) 34'800 zusätzliche Personenjahre Beschäftigung |
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Rütter et al. (2007) |
EM 2008, Schweiz |
CHF 640-860 Mio. Wertschöpfung (0.14-0.18% BIP) 5'290-7'350 Vollzeitäquivalente |
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Bohlmann & van Heerden (2005) |
WM 2010, Südafrika |
ZAR 10 Mrd. Wertschöpfung (0.38% BIP) 50'000 Vollzeitäquivalente |
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EY (2011) |
WM 2014, Brasilien |
R$ 65 Mrd. Wertschöpfung 2010–2014 3.6 Mio. Vollzeitäquivalente pro Jahr |
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FIFA (2024) |
WM 2026, Kanada |
CAD 2 Mrd. Wertschöpfung (0.06% BIP) |
Kritik an der verwendeten Methodik
Die so ermittelten Effekte sind jedoch umstritten, wobei oft auch auf systematische Schwächen der verwendeten Methodik hingewiesen wird:
- Mitnahmeeffekte: Die touristischen Ausgaben eines ausländischen WM-Besuchers werden vollständig dem Turnier zugerechnet – ohne zu berücksichtigen, ob diese Person ohnehin gereist wäre.
- Verdrängungseffekte (Crowding-out): Ausgaben von WM-Besuchern ersetzen teilweise reguläre Touristen, die dem Grossanlass ausweichen, wodurch der Nettoeffekt systematisch überschätzt wird.
- Substitutionseffekte: Inländische Zuschauerausgaben oder Einnahmen aus Public Viewings sind häufig blosse Umschichtungen des Konsumbudgets statt zusätzlicher Nachfrage.
- Import-Leakage: Ein Teil der Ausgaben fliesst über importierte Vorleistungen und internationale Konzerne unmittelbar wieder ins Ausland ab.
- Fehlendes Kontrafaktum: Die Berechnung der Beschäftigungseffekte erfolgt unter der Annahme, dass die benötigten Beschäftigten ansonsten arbeitslos wären
Diese Kritik ist nicht nur theoretischer Natur. Ex-post-Untersuchungen zeichnen regelmässig ein deutlich nüchterneres Bild als die vorherigen Prognosen. Baade und Matheson (2004) untersuchten die WM 1994 in den USA im Nachhinein: Den ex-ante versprochenen Gewinnen von rund 4 Milliarden Dollar standen tatsächliche kumulierte Einbussen in den Gastgeberstädten von 1.5 bis 4.3 Milliarden Dollar gegenüber. Ähnliche Befunde liefern weitere Studien zu den Weltmeisterschaften 1974 und 2006 in Deutschland: Auf die Beschäftigung lässt sich kaum ein messbarer Effekt nachweisen (Hagn & Maenning, 2008 & 2009).
Welche Effekte von Fussball-Grossanlässen sind in der Schweiz zu erwarten?
Auch ohne selbst Gastgeberland zu sein, verzeichnet die Schweiz einen spürbaren wirtschaftlichen Effekt von Fussball-Grossanlässen. Der Grund liegt im Sitz der internationalen Sportverbände: die FIFA (Zürich) und die UEFA (Nyon) verkaufen die Übertragungs- und Vermarktungsrechte für ihre Turniere. Diese Einnahmen gelten buchhalterisch als Dienstleistungsexporte der Schweizer Volkswirtschaft. Das SECO veröffentlicht deshalb für die Konjunkturanalyse eigens „sportevent-bereinigte" BIP-Daten, um diesen Sondereffekt herauszurechnen.
Wie gross dieser sogenannte „FIFA-Effekt“ ist, zeigen Schätzungen der Zürcher Kantonalbank: Sie beziffert den Sportevent-Effekt auf das kantonale BIP-Wachstum in WM-Jahren auf 0.7 bis 1 Prozentpunkte, schweizweit auf rund 0.3 Prozentpunkte. Für das WM-Jahr 2026 rechnet die ZKB mit einem Wachstum des Zürcher BIP von 1.9 Prozent – ohne diesen Sondereffekt läge das erwartete Wachstum bei nur rund 1.2 Prozent. Vergleichbare Effekte lassen sich auch im Kanton Waadt beobachten, wo die UEFA ansässig ist.
Fazit
Ex-ante-Studien zeigen regelmässig bedeutende volkswirtschaftliche Effekte von Fussball-Weltmeisterschaften. Viele dieser Analysen vernachlässigen dabei jedoch systematische Schwächen der verwendeten Methodik, weshalb Ex-post-Analysen deutlich tiefere Effekte ausweisen. Studien, welche die wirtschaftlichen Effekte von Grossanlässen untersuchen, sollten die zu erwartenden Mitnahme-, Verdrängungs- und Substitutionseffekte realitätsgetreu abbilden. Swiss Economics verfolgt bei allen Wirkungsanalysen eine umfassende Betrachtung, um die relevanten Effekte zu isolieren und so glaubwürdige Ergebnisse für Organisationskomitees und Verbände zu schätzen.
Da die FIFA-Erlöse aus Übertragungs- und Vermarktungsrechten das kantonale und nationale BIP im entsprechenden Jahr beeinflussen, sollten diese „Sportevent-Effekte“ bei makroökonomischen Analysen bereinigt werden, um eine verzerrte Abbildung der konjunkturellen Entwicklung zu vermeiden.
Quellen:
- Baade, R. A., Matheson, V. A. (2004). The Quest for the Cup: Assessing the Economic Impact of the World Cup. Regional Studies, 38(4), 343–354.
- EY (2011). Sustainable Brazil. Social and Economics Impacts of the 2014 World Cup.
- FIFA (2024). Geschätzte Wertschöpfung von CAD 3,8 Milliarden für Kanada dank der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 26™. Aufgerufen unter Geschätzte Wertschöpfung von CAD 3,8 Milliarden für Kanada dank der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 26™
- Hagn, F., Maennig, W. (2008). Employment Effects of the Football World Cup 1974 in Germany. Applied Economics, 42(25).
- Hagn, F., Maennig, W. (2009) Large Sport Events and Unemployment: The Case of the 2006 Soccer World Cup in Germany. Labour Economics, 15(5).
- Helmenstein, C., Kleissner, A., Moser, B., & Schindler, J. (2007). Volkswirtschaftliche Effekte der FIFA Fußball WM 2006 in Deutschland.
- Rütter, H., Stettler, J., Müller, H. (2007). Wirtschaftliche Wirkungen der UEFA EURO 2008TM in der Schweiz. Studie im Auftrag des Bundesamt für Sport (BASPO)
- Bohlmann, H.R. & Van Heerden, J.H. (2005). The Impact of the 2010 FIFA World Cup on the South African Economy: A Computable General Equilibrium Analysis. Department of Economics, University of Pretoria.
- Zürcher Kantonalbank (ZKB) (2026). Zürcher Wirtschaft im Fokus – Economic Research, April 2026
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