Warum Fusionen die Preise erhöhen können – auch ohne Marktbeherrschung
Blogserie: Die Einführung des SIEC-Tests in der Schweiz (Teil II)
12.08.2026, von Samuel Rutz, Matthias Hafner, Michael Funk, Nicolas Eschenbaum, Seline Spillmann
Expertisefelder Regulierung, WettbewerbsökonomikIn Teil I dieser Serie haben wir gezeigt, dass der SIEC-Test die tatsächliche Wettbewerbswirkung eines Zusammenschlusses ins Zentrum rückt – und ausgeführt, dass Marktstellung und Wettbewerbswirkung zwar eng zusammenhängen, aber nicht deckungsgleich sind. Genau in dieser Differenz liegt der ökonomische Kern des Paradigmenwechsels von einem Dominanz- zu einem SIEC-Test: Es gibt Fälle, in denen eine Fusion die Preise erhöht, ohne dass ein marktbeherrschendes Unternehmen entsteht und ohne dass sich Unternehmen explizit koordinieren. Warum das möglich ist, erklärt die Oligopol-Theorie; wir beginnen deshalb dort, wo auch die moderne Ökonomie ihren Ursprung hat. Wir beschränken uns hierbei auf horizontale Fusionen; vertikale Fusionen und Effizienzen sind hingegen nicht im Fokus dieses Blogbeitrags?
Hintergrund der Oligopoltheorie
Schon unter den Moralphilosophen der Aufklärung waren die gesellschaftlichen Nachteile von Märkten mit unvollkommenem Wettbewerb ein Thema. Adam Smith formulierte dies 1776 in «The Wealth of Nations» wie folgt:
«People of the same trade seldom meet together, even for merriment and diversion, but the conversation ends in a conspiracy against the public, or in some contrivance to raise prices.»
Adam Smith argumentierte im Grundsatz, dass eine «unsichtbare Hand» die Gesellschaft zu einem effizienten Ergebnis führt, sofern jeder Akteur seinem eigenen Nutzen folgt. Diese Annahme gilt jedoch nur unter der Voraussetzung wirksamen Wettbewerbs. Verfügen Unternehmen etwa über Marktmacht, wird der Mechanis-mus der «unsichtbaren Hand» ausgehebelt (vgl. Tirole, 1988): Sie können ihre Preise gewinnmaximierend setzen, was dazu führt, dass geringere Mengen zu höheren Preisen verkauft werden, als dies gesamtwirtschaftlich wünschenswert wäre.
Damit ist der ökonomische Kern der Fusionskontrolle benannt. Letztlich steht immer die Frage im Zentrum, ob ein Zusammenschluss die beteiligten Unternehmen in die Lage versetzt, die Preise dauerhaft über das Wettbewerbsniveau anzuheben. Genau diese Frage soll mit dem SIEC-Test beantwortet werden.
Wie erhöhte Preise im Oligopol entstehen
Lassen sich in einem Markt Preise über dem Wettbewerbsniveau durchsetzen (sogenannt suprakompetitive Preise), liegt in der Regel ein Monopol oder ein Oligopol vor.
- Monopol: Ein einzelnes Unternehmen kann die Preise, ohne Druck durch Wettbewerber, einseitig – unilateral – und auf profitablem Niveau festsetzen. Dies ist der klassische Fall, der grundsätzlich auch mit dem bisherigen Dominanztest erfasst werden konnte.
- Oligopol: Auch hier liegen die Preise über dem Wettbewerbsniveau, nicht jedoch, weil ein einzelnes Unternehmen den Markt dominiert. Vielmehr ergeben sich die «überhöhten» Preise aus der strategischen Interaktion einiger weniger Unternehmen. Dabei ist die Unterscheidung zwischen unilateraler und koordinierter Preisfestlegung zentral:
- Bei einer unilateralen Preisfestlegung wählt jedes Unternehmen eigenständig seinen gewinnmaximierenden Preis, ohne dass eine implizite oder explizite Koordination mit den Wettbewerbern stattfindet. Im Unterschied zu einer Wettbewerbssituation mit vielen Anbietern sind sich die Unternehmen in einem Oligopol aber bewusst, dass ihre eigene Preis- bzw. Mengenentscheidung den Marktpreis spürbar beeinflusst. Diese Berücksichtigung der eigenen Marktwirkung führt bereits ohne jede Koordination dazu, dass die Preise höher ausfallen als in einem Markt mit vielen kleinen Anbietern, von denen keiner den Preis allein beeinflussen kann.
- Bei einer koordinierten Preisfestlegung hingegen stimmen die Unternehmen ihr Verhalten über die Zeit aufeinander ab. Das ist Koordination im Sinne des obigen Zitats von Adam Smith; sprich: Kollusion. Die Preissetzung ist in diesem Fall nicht mehr unilateral, sondern koordiniert. In der Wettbewerbspraxis spricht man in diesem Fall von einer kollektiven Marktbeherrschung.
Die verschiedenen Formen suprakompetitiver Preissetzung sind in der folgenden Abbildung zusammengefasst.
Vor diesem Hintergrund wird die Schwäche des bisherigen Dominanztests sichtbar. Er erfasst zwar zuverlässig die Einzelmarktbeherrschung und – über das Konzept der kollektiven Marktbeherrschung – Kollusion. Eine Konstellation fällt jedoch durch das Raster: die unilaterale Preisfestlegung in oligopolistischen Märkten. Hier können die Preise über dem Wettbewerbsniveau liegen, obwohl kein einzelnes Unternehmen im klassischen Sinne als «marktbeherrschend» bezeichnet werden kann und auch keine Kollusion vorliegt. Genau dies sind die «Gap Cases», von denen in Teil I die Rede war. Wie stark der Preis über dem Wettbewerbsniveau liegt, hängt letztlich davon ab, wie viele Anbieter im Markt tätig sind und wie ähnlich ihre Produkte sind. Genau das lässt sich mit den zwei Standardmodellen der Oligopol-Theorie – dem Cournot- und dem Bertrand-Modell – aufzeigen. Diese decken zugleich die Grenzfälle Monopol und Wettbewerb ab.
Die ökonomische Theorie von Oligopolmärkten
In der Praxis konkurrieren Unternehmen über unterschiedliche Wettbewerbsparameter, deren relative Bedeutung von der jeweiligen Branche abhängt. Dementsprechend unterscheiden die Standardmodelle der Oligopoltheorie zwischen den beiden zentralen Parametern Menge und Preis.
- Im sogenannten Cournot-Modell (Mengenwettbewerb) legen die Unternehmen zunächst ihre Produktionsmengen fest, der Preis bestimmt sich dann über die Ge-samtmenge, die im Markt angeboten wird. Das Marktergebnis liegt zwischen Monopol und vollkommenem Wettbewerb: Der Preis übersteigt die Grenzkosten und sinkt jedoch, je mehr Anbieter im Markt sind. Eine Fusion in einem solchen Markt verringert die Zahl der unabhängigen Anbieter – und führt damit tendenziell zu einem steigenden Preis. Im Cournot-Modell ist somit die Anzahl der Wettbewerber die entscheidende Grösse für einen allfälligen unilateralen Effekt.
- Im Bertrand-Modell (Preiswettbewerb) wählen die Unternehmen hingegen die Preise für ihre Produkte, woraus sich dann die abgesetzte Menge im Markt ergibt. Bei homogenen Gütern genügen bereits zwei Anbieter, um den Preis auf die Grenzkosten – also das Niveau vollständiger Konkurrenz – zu drücken, was in der Literatur als «Bertrand-Paradox» bezeichnet wird. Eine Fusion ändert bei perfektem Bertrand-Preiswettbewerb somit in der Regel wenig am Marktresultat, zumindest so lange kein reines Monopol resultiert und die Produkte der fusionierenden Unternehmen perfekte Substitute darstellen.
- Anders präsentiert sich die Situation in einem Bertrand-Modell mit differenzierten Gütern. Realistischerweise sind Produkte (meist) keine perfekten Substitute. Differenzierung ergibt sich typischerweise über die Marke oder den Standort. In diesem Fall zählt nicht mehr nur, wie viele Firmen es im Markt gibt, sondern wie nah sich zwei Produkte sind. Dabei gilt: Je näher sich zwei Produkte sind, desto weniger differenziert sind sie und desto intensiver konkurrieren sie. Fusionieren die Hersteller von engen Substituten können die Preise daher spürbar ansteigen, weil ein Grossteil der abwandernden Kunden beim fusionierten Unternehmen bleibt, statt zur Konkurrenz – die weniger nahe Substitute anbietet – zu wechseln. Fusionieren hingegen zwei Unternehmen mit entfernten Substituten, ist der entsprechende Preiseffekt gering. Das ist die ökonomische Begründung, weshalb die drei Begriffe "Closeness of Competition", "Diversion Ratios" und "Upward Pricing Pressure" in der heutigen Fusionspraxis unter dem SIEC-Test zentral sind.
Insgesamt liefert die ökonomische Theorie somit zwei empirisch überprüfbare Fragen:
1. Wie viele Unternehmen sind vor und nach der Fusion im Markt tätig?
2. Wie nahe Wettbewerber (im Sinne der Produktdifferenzierung) sind die fusionierenden Unternehmen?
"Wie viele" ‒ Konzentration und der HHI
Die ökonomische Beurteilung einer Fusion beginnt in der Regel mit der Analyse der Marktstruktur. Nimmt die Marktkonzentration zu, sinkt die Wettbewerbsintensität tendenziell und die Preise steigen. Das einfachste Mass, um die Marktkonzentration zu erfassen, ist der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI). Dieser entspricht der Summe der quadrierten Marktanteile (sᵢ) aller Anbieter und nimmt somit im Extremfall – einem reinen Monopol – den Wert von 10'000 an. Der HHI steigt dabei an, je weniger Anbieter es im Markt gibt und je ungleicher die Markanteile zwischen einzelnen Anbieter verteilt sind. In der Fusionskontrolle interessiert neben dem Niveau vor allem das «Delta» des HHI, also die durch einen Zusammenschluss bewirkte Veränderung der Marktkonzentration; sie entspricht genau dem doppelten Produkt der Marktanteile der Fusionsparteien (Delta = 2 · s₁ · s₂).
Der HHI dient als erste Indikation der möglichen Auswirkungen einer Fusion sowie zur Bestimmung von «Safe Harbours» – also Zusammenschlüssen, die so unkritisch sind, dass sich eine vertiefte Prüfung erübrigt. In den EU-Horizontalleitlinien (Rz. 18–20) werden die folgenden «Safe Harbours» formuliert:
- Gemeinsamer Marktanteil < 25 Prozent: Die Fusion ist in der Regel unproblematisch.
- Post-Merger-HHI < 1'000: Die Fusion führt zu keinen horizontalen Bedenken.
- HHI zwischen 1'000 – 2’000 mit Delta < 250 oder HHI > 2’000 mit Delta < 150: Die Fusion ist unproblematisch, ausser es liegen besondere Umstände vor.
Der HHI misst nur die Marktkonzentration, sagt jedoch nichts über die Nähe der Produkte der fusionierenden Parteien zueinander aus. Er funktioniert daher gut bei homogenen Gütern. Weniger aussagekräftig ist der HHI hingegen bei differenzierten Gütern – dort können zwei Anbieter einen kleinen gemeinsamen Marktanteil haben und trotzdem die jeweils engsten Konkurrenten sein.
Wie nah" ‒ Elastizität und Diversion Ratio
Bei differenzierten Produkten ist – wie oben dargelegt – die entscheidende Frage, wie enge Konkurrenten zwei Anbieter sind. Um dies zu bestimmen, werden typischerweise zwei Kennzahlen verwendet: Die Kreuzpreiselastizität misst, wie stark die Nachfrage nach Produkt A reagiert, wenn der Preis von B steigt. Eine hohe Kreuzpreiselastizität zwischen den Gütern der Fusionsparteien bedeutet, dass diese enge Substitute sind. Das Diversion Ratio misst demgegenüber, welcher Anteil der Nachfrager von Produkt A zu Produkt B wechseln würden, wenn Produkt A teurer wird. Wandern z. B. von 100 verlorenen Kundinnen 60 zu B ab, beträgt die Diversion Ratio von A zu B 60 Prozent. Auch hier gilt, dass ein höherer Wert signalisiert, dass A und B enge Substitute sind.
Die ökonomische Logik hinter diesen beiden Massen erklärt, weshalb es im Rahmen eines SIEC-Tests auch bei tiefen Marktanteilen für eine Wettbewerbsbehörde gerechtfertigt sein kann, zu intervenieren – nämlich wenn es sich bei den Fusionsparteien um Hersteller von engen Substituten handelt. Umgekehrt machen die beiden Masse auch klar, dass eine Fusion trotz zunehmender Konzentration kein Problem für den Wettbewerb sein muss, insbesondere wenn das «Delta» gering ist oder die betrachteten Produkte keine (engen) Substitute darstellen.
Die Nähe der Wettbewerber lässt sich zudem in eine Kennzahl für den Preisdruck im Markt als Folge einer Fusion übersetzen. Die gebräuchlichste Kennzahl ist dabei der Gross Upward Pricing Pressure Index (GUPPI). Er bündelt zwei Grössen und beantwortet die folgenden Fragen: Wie viele Kundinnen wechseln bei einer Preiserhöhung von A zum eigenen Produkt B (Diversion Ratio) anstatt zum Produkt eines Drittanbieters? Und, wie profitabel ist dieses zurückgewonnene Geschäft (Marge von B)? Je höher die beiden Werte, desto stärker der Anreiz, nach der Fusion den Preis des Produktes zu erhöhen.
Fazit: Was die Oligopol-Theorie für den SIEC-Test bedeutet
Die Oligopol-Theorie erklärt, warum eine Fusion Preise erhöhen kann, ohne dass ein Unternehmen marktbeherrschend wird oder sich Wettbewerber koordinieren. Diese Fälle konnten vom bisherigen Dominanztest nicht aufgegriffen werden. Sie liefert zugleich die Werkzeuge, mit denen sich dieser Effekt messen lässt – entlang der beiden Fragen, wie viele Anbieter im Markt sind und wie nah sie sich stehen.
Die unilaterale Preiserhöhung im Oligopol lässt sich unter dem SIEC-Test nicht nur erfassen, sondern auch quantifizieren. Hierbei sind Marktanteile ein erster wichtiger Anhaltspunkt, aber den Ausschlag gibt, wie eng die Fusionsparteien im Wettbewerb zueinander stehen.
Ein festgestellter Preisdruck bedeutet allerdings noch kein automatisches Verbot einer Fusion. Denn der SIEC-Test untersagt einen Zusammenschluss nur dann, wenn dessen wettbewerbliche Nachteile nicht durch fusionsspezifische Effizienzgewinne zugunsten der Konsumenten aufgewogen werden (siehe Teil I). Wie diese Abwägung in der Praxis erfolgt, zeigen wir im nächsten Beitrag: «Umsetzung in der Praxis».
Quellen:
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Europäische Kommission: "Leitlinien zur Bewertung horizontaler Zusammenschlüsse", ABl. C 31 vom 5. Februar 2004, S. 5–18
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Farrell, Joseph / Shapiro, Carl: "Antitrust Evaluation of Horizontal Mergers: An Economic Alternative to Market Definition", The B.E. Journal of Theoretical Economics, Vol. 10, Nr. 1, 2010
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Salop, Steven C. / Moresi, Serge: "Updating the Merger Guidelines: Comments", 2009
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Smith, Adam: "An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations", 1776
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Tirole, Jean: "The Theory of Industrial Organization", MIT Press, 1988