Warum die Schweiz Teilzeit arbeitet
38 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten Teilzeit — Tendenz steigend. Was treibt diesen Wandel, und was bedeutet er für den Arbeitsmarkt?
Die Teilzeitarbeit hat in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz stark zugenommen: 1991 arbeiteten 25 Prozent aller Erwerbstätigen in Teilzeit, 2024 waren es bereits 38 Prozent. Für die Frage, wie sich Erwerbsbiografien wandeln, ist allerdings nicht der Anteil an den Erwerbstätigen die aussagekräftige Grösse, sondern der Anteil an der gesamten Wohnbevölkerung im Erwerbsalter. Denn ein steigender Teilzeitanteil geht in vielen Bevölkerungsgruppen mit einem rückläufigen Anteil Nichterwerbstätiger einher. Hinter dieser Entwicklung stehen gesellschaftliche, demografische und arbeitsmarktliche Kräfte, die die Wirtschaftswissenschaft seit Jahrzehnten beschäftigt.
Erwerbstätigkeit von Frauen
Die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen ist der wichtigste Treiber dieser Entwicklung. Frauen sind heute stärker am Arbeitsmarkt tätig als je zuvor. Die Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) zeigen, dass die Teilzeitarbeitsquote der Frauen seit 2010 in nahezu allen Altersgruppen und Familienkonstellationen leicht zugenommen hat, und dies parallel zur gestiegenen Vollzeiterwerbstätigkeit und zum rückläufigen Nichterwerbsanteil.
Abbildung 1: Erwerbssituation nach Geschlecht und Familiensituation

Quelle: Eigene Darstellung basierend auf SAKE
Höhere Bildungsinvestitionen, ein höheres Heiratsalter und bessere Familienplanung haben Frauen seit dem späten 20. Jahrhundert deutlich karriereorientierter gemacht. Die amerikanische Ökonomin und Nobelpreisträgerin Claudia Goldin hat diesen Wandel in einflussreichen Arbeiten analysiert (Goldin, 2006). Ein zentrales Hindernis bleibt jedoch: In sogenannten «Greedy Jobs» – Positionen, die zeitliche Verfügbarkeit und lange Arbeitszeiten voraussetzen und überproportional entlohnen – bleibt jenen, die Betreuungsaufgaben übernehmen, dieser Lohnzuschlag verwehrt. Dies trägt zur verbleibenden geschlechtsspezifischen Lohnlücke bei (Goldin, 2014).
Vor diesem Hintergrund wird die Teilzeitwahl zur rationalen Anpassung an strukturelle Gegebenheiten. Dass Frauen mit Kindern unter 12 Jahren in der Schweiz besonders häufig in Teilzeit tätig sind, illustriert das: Solange Vollzeitstellen mit langen und unflexiblen Arbeitszeiten verbunden sind und familienexterne Betreuungsangebote begrenzt bleiben, verschiebt sich das Kosten-Nutzen-Kalkül systematisch in Richtung reduzierter Pensen – und zwar überwiegend bei jenem Elternteil, der bereits den grösseren Teil der unbezahlten Arbeit übernimmt.
Teilzeitarbeit hat jedoch auch Vorteile, denn sie senkt die Eintrittshürde in den Arbeitsmarkt und verhindert Karriereunterbrüche. Sie ermöglicht es, beruflich angeschlossen zu bleiben, Erfahrungen zu sammeln und Karriereperspektiven zu erhalten. Ein breiteres Angebot an Teilzeitstellen – und ergänzend flexiblere Vollzeitmodelle – kann daher einen Beitrag zur Gleichstellung leisten, indem es Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert und die Grundlage dafür schafft, Erwerbs- und Familienarbeit ausgewogener zu verteilen.
Umverteilung der Arbeit
Und die Männer? Auch sie arbeiten zunehmend Teilzeit – besonders Väter, aber auch Männer ohne Kinder. Dahinter steht eine veränderte Aufteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit: So ist die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit von Männern mit Kindern seit 1997 gesunken; gleichzeitig ist die Zeit für Kinderbetreuung und Hausarbeit gestiegen.[1] Dass die Teilzeitquote auch bei Männern ohne Kinder leicht gestiegen ist, deutet zudem auf veränderte Rollenbilder und Lebensentwürfe hin.
Erwerbs- und Hausarbeit werden in heterosexuellen Partnerschaften heute ausgewogener verteilt als früher: Während 2013 die Hausarbeit in 65 Prozent dieser Partnerschaften hauptsächlich von der Frau erledigt wurde, lag dieser Anteil 2023 bei 49 Prozent.[2] Die Zunahme männlicher Teilzeitarbeit ist Ausdruck dieses Wandels. Die nach wie vor deutlich höhere Teilzeitquote der Frauen zeigt aber, dass er in der Schweiz noch nicht abgeschlossen ist.
Studierende und ältere Erwerbstätige
Teilzeitarbeit prägt aber nicht nur die mittleren Erwerbsjahre, sondern auch Studierende und ältere Erwerbstätige. Teilzeit ermöglicht es dabei Ausbildung und Erwerbstätigkeit zu verbinden. Das erklärt, warum die Teilzeitquote bei den 15- bis 24-Jährigen zunimmt: Mit steigender Hochschulabschlussquote sind junge Erwachsene durchschnittlich einen längeren Teil ihres Lebens in Ausbildung und sind deshalb seltener in Vollzeit erwerbstätig.
Teilzeitmöglichkeiten halten zudem ältere Erwerbstätige länger im Arbeitsmarkt. Männer und Frauen im Alter von 55 bis 64 sind heute häufiger Voll- und Teilzeit erwerbstätig als noch 2010, unabhängig von der Familiensituation. Besonders bei Frauen in dieser Altersgruppe ist dieser Trend beobachtbar. Studien zeigen, dass Beschäftigte in Sektoren mit einem höheren Teilzeitanteil im Alter zwischen 60 und 64 häufiger im Erwerbsleben bleiben als jene in Sektoren mit starren Arbeitszeitvorgaben (Albinowski, 2024).
Implikationen
Die wirtschaftspolitische Schlussfolgerung ist daher nicht, Teilzeitarbeit einzuschränken, sondern Vollzeit flexibler zu machen und die Hürde zu höheren Pensen abzubauen. Auch muss Teilzeit als Teil eines breiteren Flexibilisierungstrends verstanden werden. Parallel zum Teilzeittrend haben in der Schweiz auch die Temporärarbeit und die Mehrfachbeschäftigung deutlich an Bedeutung gewonnen. Diese Entwicklung ist ebenfalls – zumindest teilweise – vom Wunsch nach Flexibilität und Vereinbarkeit von Familie und Beruf getrieben. In einer Regulierungsfolgeabschätzung im Auftrag von swissstaffing konnte Swiss Economics am Beispiel der Temporärarbeit aufzeigen, wie flexible Beschäftigungsformen Arbeitsmarktfriktionen verringern und besonders in Hochkonjunkturphasen eine Sprungbrettfunktion für Arbeitssuchende erfüllen.
Ein moderner Arbeitsmarkt braucht flexible, aber gut austarierte Rahmenbedingungen – und fundierte ökonomische Analysen, um sie evidenzbasiert weiterzuentwickeln.
Quellenangaben
[1] BFS, Zeitaufwand für Haus- und Familienarbeit, Freiwilligenarbeit und Erwerbsarbeit in Stunden pro Woche
[2] BFS, Aufteilung der verschiedenen Haushaltsaufgaben in Paarhaushalten
Literatur
Albinowski, M. (2024). Part-time employment opportunities and labour supply of older workers. The Journal of the Economics of Ageing, 28, 100504.
Goldin, C. (2006). The quiet revolution that transformed women's employment, education, and family. American economic review, 96(2), 1-21.
Goldin, C. (2014). A Grand Gender Convergence: Its Last Chapter. American Economic Review 104 (4): 1091–1119.
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